Mordversuch.

•2009/08/29 • 2 Kommentare

Angestrengt krächzt der Dieselmotor in monotoner Klangfarbe. Durch die Lüftungsschlitze des Wagens, durchstreift die lauwarme Außenluft, geschwängert mit Abgasen und Furzgeruch, mein zerzaustes Haarkleid . Der Temperaturregler der Klimaanlage steht auf der niedrigsten Stufe, doch der Wagen ist merkwürdigerweise bei gefühlten 50 Grad Celsius. Ich schwitze Schweiß.

Gefrustet von der defekt anmutenden Klimaanlage, öffne ich per Knopfdruck das Beifahrerfenster. Ein angenehmer Wind durchströmt das Fahrzeuginnere. Ich fühle mich wohl.

Gelassen und zielstrebig fahre ich in Richtung Feierabend. Mein Kopf ist entspannt an die Sitzlehne gepresst und mein Trommelfell wird mit klassischen Klängen aus dem Radio massiert.

Ich gähne leidenschaftlich.

Ruckartig verlasse ich den Zustand der Zufriedenheit. Eine Wespe mit angsteinflößender Körpergröße rast torpedoartig durch das offene Fenster und landet präzise auf der Fahrzeugarmatur.

Ich zögere und plane meine Vorgehensweise, wie ich die besagte Wespe aus dem Auto treiben kann ohne mich ernsthaft in Gefahr zu begeben. Doch noch bevor ich den Plan ausgefeilt habe, schnellt meine Handfläche gedankenlos gesteuert auf die Wespe zu, streift ihre Flugapparate und knallt schmerzhaft gegen den Lautstärkeregler.

Die anfangs angenehme Musik, donnert nun in erdrückender Besessenheit in meine Hörmuschel. Es schmerzt, doch um sich darum zu kümmern ist keine Zeit. Die orangegelbe, schwarz gestreifte Giftspritze fliegt aggressive Schlangenlinien und starte Ihre erste Angriffswelle.

Mit Ihrem stachelbesetztem Hinterteil vorweg, jagte diese Bestie zielstrebig in Richtung meiner vorher als Waffe verwendeten Schlaghand. Nur durch eine reflexartige Fluchtbewegung gelingt mir das Ausweichen. Die Wespe stemmt sich nach der ersten Fehlattacke jedoch schnell wieder auf, stoßt sich von der Armatur ab und katapultiert sich wie ein Geschoss in Richtung meiner von Angst gezeichneten Gesichtszüge.

Mit einer Halbdrehung meiner Nackenwirbel kann ich Ihr ein zweites mal ausweichen. Der Straßenverkehr spielt ab diesem Moment für mich nur noch eine Nebenrolle. Ich bin gefangen in einer Todeszelle. Eine Todeszelle, getragen von vier Rädern.

Die Verkehrsteilnehmer die mir folgen, sehen einen Autofahrer der um sein Leben kämpft. Doch für einen Außenstehenden sieht es eher aus, als führe das Fahrzeug ein alkoholisierter Irrer.

Zurück in mein Cockpit – dem Höllenpit.

Mittlerweile überstand ich eine dritte Angriffsaktion.

Die Wespe scheint sich auszuruhen. Klammert sich mit Ihren kleinen Beinen an der Rückenlehne des Beifahrersitzes fest. Meine Augen navigieren durch den Innenraum und suchen nach einem Tötungswerkzeug.

Dort! Mein Blick ist fokussiert, die Parkscheibe vor dem Handschuhfacht. Der Fokus wechselt von Wespe zu Parkscheibe. Wie kann ich bloß die Parkscheibe ergattern, ohne eine irritierende Bewegung zu erzeugen die weitere Angriffe anheizt? Zeitlupenähnlich bewegt sich mein rechter Arm der Scheibe entgegen, meine linke Hand mit festem Griff am Lenkrad. Meine Blick, nur auf der Wespe.

Vorsichtig. Voooooorrrsichtig.

Ich greife blitzschnell zu, mein Blick kurzzeitig auf der Parkscheibe,und ein graziöser Schwung befördert die Zeitanzeige auf den Sitz zu. Auf den Sitz. Wo ist die Wespe?!

Unter panisch unterlaufenem Gesichtsausdruck hechtet mein Blick durch das Fahrzeuginnere. Keine Spur von dem Insekt. Mein Bauchgefühl lässt jedoch Zweifel aufkommen. Richtig gegrummelt. Das Biest krabbelt über mein Haupthaar und zeigt diesen Anblickt durch den Rückspiegel. Ich bin wie versteinert vor Schreck. Es fängt an zu kribbeln, die Wespe arbeitet, bahnt sich Ihren weg zur Körperschnittstelle namens Hautpore. Unbeachtet aller Sinneseinflüsse schmettere ich meine Handfläche der linken Hand und die Parkscheibe mit Hilfe der Rechten auf die vermeidliche Stichstelle. Das Fahrzeug unternimmt Führerlos zwei Spurenwechsel. Ein Hupkonzert strömt Surroundartig an mir vorbei. Der Boden vibriert und die Gegenstände im Fahrzeug fliegen umher. In letzter Sekunde klammert sich meine Hand an das Lenkrad und rettet was zu retten ist. Mein Bein presst mit aller Kraft den Fuß auf das Bremspedal. Stillstand.

Ich stehe vor einem Fremden und neben einem imposantem Bagger hinter einer Baustellenmarkierung. Staubpartikel umgeben meinen Haltepunkt. Der in Bauarbeiterkleidung steckende Fremde schaut mich entgeistert durch die Staubwand an. Die Szene wird durch das Radio untermalt – „My heart is beating like a Jungle Drummmmmmm – dunka dunka dunka dunku dunk dunk“.

Ich schreite aus dem Wagen hinaus. Bin leicht benommen und mir über den aktuellen Zustand der Dinge nicht bewusst.

Zusammenhangslos für den Bauarbeiter frage ich lautstark:

Ist sie tot?

Sich mal richtig schön „wolken“, Sonnenmantel ade.

•2009/08/25 • 2 Kommentare

Der ein wenig zu warm geratene Mittelpunkt unseres Systems, hagelt mit brutalster UV-Strahlung auf die Erdoberfläche unseres Heimatplaneten und auf meinen maßgeschneiderten Anzug namens Haut.

Heute jedoch nicht. Nein.

Heute umsäumte meine Seelenhülle eine fluffig-weiche und kilometerdicke Wolkendecke, bis zum Rand gefüllt mit den Freudentränen prallbusiger Engel.

Für einen Bruchteil einer Sekunde taumelten meine verirrten Gedanken zu den sonnigen Tagen der letzten Woche zurück, und ich bekam erdrückende Lust mich zu übergeben. Flimmernde Hitze, schweißdurchtränkte Klamotten, zugekniffene Sehwerkzeuge und viel zu viel Durst bei viel zu wenig Flüssigkeit.

Darüber kann ich mich heute… nicht beklagen.

Generalgereinigte Atemluft durchstreifte meine Lungenbläschen, der Insektenfriedhof meiner Windschutzscheibe wurde entfernt, die Augen öffneten sich weit, und ich sagte laut zu mir selbst:

Herrlich digger.

Was ich heute neben 12 Stunden Arbeit und monotoner medialer Gehirnwäsche durch FM-Frequenzen getan habe?

Ich war mich richtig schön… „wolken“.

Weg mit dem „Sonnenmantel“.

Heute wird geduscht.

Zwölf Sekunden Schwerelosigkeit.

•2009/08/24 • Kommentar schreiben

12 Sekunden… Zwölf Sekunden in der Schwerelose.

So würde das Erlebnis, welches wohl als das positivste des Tage geltend gemacht werden kann, umschrieben werden um wirklich überzeugend positiv zu klingen.

Ich startete einen Zwischenflashback nach sechzehn Stunden (und gefühlten 57.600 Sekunden) mit Hilfe von stichpunktartigen Bilderfetzen des Erlebten.

Und ich konnte nach fünf Minuten intensivsten Denkens, mit Übereinstimmung meiner beiden Persönlichkeiten, festhalten das die zwölf Sekunden zwischen genau…

12:41:24 Uhr bis 12:41:36 Uhr.

…die besten meines Tages waren.

In diesen Sekunden passierte, in dezent umschriebener Form, folgendes Ereignis:

Ein cremigweicher texanischer Brotteig, gefüllt mit einer industriell hergestellten Bohnenmaismischung, landete elegant in meiner Mundhöhle und wurde zärtlich mit meinen Schneidewerkzeugen zerteilt.

In diesem Moment der Brotteigzerteilung überzogen meine Augenlieder geschmeidig meine Pupille. Explosionsartig schoss Speichel aus den Drüsen meiner Wangeninnenseite.

Ein unbeschreibliches Gefühl von Schwerelosigkeit und gesetzloser Freiheit durchzog meinen Körper und wickelte meinen Geist in einen stimulierenden Zustand.

Zügig, fast schreckhaft, öffneten sich meine Augen. Ich sah meinen Blick in der Reflexion des Schminkspiegels meines Firmenwagens. Der Blick, der mir von der Person im Spiegelbild entgegengeworfen wurde, sah aus wie im Rausch der Liebeslust.

Ich brauchte mehr. Das gleiche Gefühl.

Also folgte: Mund auf, Augen zu, Industrieelemente in den Mund -> Garten Eden.

Dann, Verkehrsnachrichten. Ich wurde zurückgeschmettert in die Realität -> Raststätte -> Deutschland -> meine selbsternannte Mittagspause endete hiermit.

Was passierte ungeschminkt?

Langsames Kauen gefolgt von einem bierbongartigem Restverzehr.

Der Moment vorbei, 12 Sekunden verstrichen, Bifi Texas Ranger verzehrt.

Es ist witzig und seltsam, sozusagen komisch.

Der Tag verlief banal und abgestumpfte Emotionen wurden puristisch verteilt auf genau 16 Stunden.

Doch nachdem ein Resümee im überhitztem Fahrzeug auf einer viel zu langen Autobahn durch den Kopf ging, kamen Gefühle hoch, die im Moment der Schwerelose durch die „Alltagsblindheit“ nicht zu erkennen waren.

Ein guter Tag. (Nachrichten: Immer mehr Deutsche trauen sich, sich zu trauen.)

Präzise, neben der Spur sein.

•2009/08/23 • 2 Kommentare

Präzise, neben der Spur sein…

In manchen Kreisen auch als „psychisch etwas anders“ oder „verwirrt“ tituliert.

Ich selbst finde genau diesen Zustand ansprechend. Der Alltag ist langweilig genug um selbst zu einer langweiligen Alltagsgestalt zu mutieren. Anfangs vielleicht mit etwas Anstrengung verbunden, ist es nach einer gewissen Einarbeitung gar nicht so energieraubend sich den Alltag bewusst „schöner zu reden“.

Dies versuche Ich zumindest durchzuführen. Diese Alltagsschönredung.

Und für die, die zu faul sind es zu tun, für die versuche ich es ebenfalls.

Denn wer war nicht selbst in dieser grauenhaften, mit grau behafteten, grausamen Langeweile namens Alltags-Abend gefangen. Oder auch Alltags-Morgen bei den „Nachtschicht-Misshandelten“.

Man findet sich selbst wieder, im Brei seiner eigenen Alltagskotze. Aber warum diesen Brei nicht freudig, mit einem Schmunzeln auf den Wangen, durch den Strohhalm namens Selbstironie einsaugen? Das funktioniert sogar ganz gut, schmeckt manchmal aber etwas merkwürdig. Aber wie man weiß, Geschmäcker sind verschieden und Geschmäcker ändern sich.

Ich kann von mir nämlich mittlerweile behaupten, dass der Brei meiner Alltagskotze durch den Selbstironiestrohalm Geschmacklich mit einem perfekt zubereitetem „White Russian“ mithalten kann. Vielleicht übertrifft er ihn ja in Kürze.

Wir werden sehen.