Angestrengt krächzt der Dieselmotor in monotoner Klangfarbe. Durch die Lüftungsschlitze des Wagens, durchstreift die lauwarme Außenluft, geschwängert mit Abgasen und Furzgeruch, mein zerzaustes Haarkleid . Der Temperaturregler der Klimaanlage steht auf der niedrigsten Stufe, doch der Wagen ist merkwürdigerweise bei gefühlten 50 Grad Celsius. Ich schwitze Schweiß.
Gefrustet von der defekt anmutenden Klimaanlage, öffne ich per Knopfdruck das Beifahrerfenster. Ein angenehmer Wind durchströmt das Fahrzeuginnere. Ich fühle mich wohl.
Gelassen und zielstrebig fahre ich in Richtung Feierabend. Mein Kopf ist entspannt an die Sitzlehne gepresst und mein Trommelfell wird mit klassischen Klängen aus dem Radio massiert.
Ich gähne leidenschaftlich.
Ruckartig verlasse ich den Zustand der Zufriedenheit. Eine Wespe mit angsteinflößender Körpergröße rast torpedoartig durch das offene Fenster und landet präzise auf der Fahrzeugarmatur.
Ich zögere und plane meine Vorgehensweise, wie ich die besagte Wespe aus dem Auto treiben kann ohne mich ernsthaft in Gefahr zu begeben. Doch noch bevor ich den Plan ausgefeilt habe, schnellt meine Handfläche gedankenlos gesteuert auf die Wespe zu, streift ihre Flugapparate und knallt schmerzhaft gegen den Lautstärkeregler.
Die anfangs angenehme Musik, donnert nun in erdrückender Besessenheit in meine Hörmuschel. Es schmerzt, doch um sich darum zu kümmern ist keine Zeit. Die orangegelbe, schwarz gestreifte Giftspritze fliegt aggressive Schlangenlinien und starte Ihre erste Angriffswelle.
Mit Ihrem stachelbesetztem Hinterteil vorweg, jagte diese Bestie zielstrebig in Richtung meiner vorher als Waffe verwendeten Schlaghand. Nur durch eine reflexartige Fluchtbewegung gelingt mir das Ausweichen. Die Wespe stemmt sich nach der ersten Fehlattacke jedoch schnell wieder auf, stoßt sich von der Armatur ab und katapultiert sich wie ein Geschoss in Richtung meiner von Angst gezeichneten Gesichtszüge.
Mit einer Halbdrehung meiner Nackenwirbel kann ich Ihr ein zweites mal ausweichen. Der Straßenverkehr spielt ab diesem Moment für mich nur noch eine Nebenrolle. Ich bin gefangen in einer Todeszelle. Eine Todeszelle, getragen von vier Rädern.
Die Verkehrsteilnehmer die mir folgen, sehen einen Autofahrer der um sein Leben kämpft. Doch für einen Außenstehenden sieht es eher aus, als führe das Fahrzeug ein alkoholisierter Irrer.
Zurück in mein Cockpit – dem Höllenpit.
Mittlerweile überstand ich eine dritte Angriffsaktion.
Die Wespe scheint sich auszuruhen. Klammert sich mit Ihren kleinen Beinen an der Rückenlehne des Beifahrersitzes fest. Meine Augen navigieren durch den Innenraum und suchen nach einem Tötungswerkzeug.
Dort! Mein Blick ist fokussiert, die Parkscheibe vor dem Handschuhfacht. Der Fokus wechselt von Wespe zu Parkscheibe. Wie kann ich bloß die Parkscheibe ergattern, ohne eine irritierende Bewegung zu erzeugen die weitere Angriffe anheizt? Zeitlupenähnlich bewegt sich mein rechter Arm der Scheibe entgegen, meine linke Hand mit festem Griff am Lenkrad. Meine Blick, nur auf der Wespe.
Vorsichtig. Voooooorrrsichtig.
Ich greife blitzschnell zu, mein Blick kurzzeitig auf der Parkscheibe,und ein graziöser Schwung befördert die Zeitanzeige auf den Sitz zu. Auf den Sitz. Wo ist die Wespe?!
Unter panisch unterlaufenem Gesichtsausdruck hechtet mein Blick durch das Fahrzeuginnere. Keine Spur von dem Insekt. Mein Bauchgefühl lässt jedoch Zweifel aufkommen. Richtig gegrummelt. Das Biest krabbelt über mein Haupthaar und zeigt diesen Anblickt durch den Rückspiegel. Ich bin wie versteinert vor Schreck. Es fängt an zu kribbeln, die Wespe arbeitet, bahnt sich Ihren weg zur Körperschnittstelle namens Hautpore. Unbeachtet aller Sinneseinflüsse schmettere ich meine Handfläche der linken Hand und die Parkscheibe mit Hilfe der Rechten auf die vermeidliche Stichstelle. Das Fahrzeug unternimmt Führerlos zwei Spurenwechsel. Ein Hupkonzert strömt Surroundartig an mir vorbei. Der Boden vibriert und die Gegenstände im Fahrzeug fliegen umher. In letzter Sekunde klammert sich meine Hand an das Lenkrad und rettet was zu retten ist. Mein Bein presst mit aller Kraft den Fuß auf das Bremspedal. Stillstand.
Ich stehe vor einem Fremden und neben einem imposantem Bagger hinter einer Baustellenmarkierung. Staubpartikel umgeben meinen Haltepunkt. Der in Bauarbeiterkleidung steckende Fremde schaut mich entgeistert durch die Staubwand an. Die Szene wird durch das Radio untermalt – „My heart is beating like a Jungle Drummmmmmm – dunka dunka dunka dunku dunk dunk“.
Ich schreite aus dem Wagen hinaus. Bin leicht benommen und mir über den aktuellen Zustand der Dinge nicht bewusst.
Zusammenhangslos für den Bauarbeiter frage ich lautstark:
Ist sie tot?

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